Internationaler ADTKD SUMMIT 2026
Eine Therapie für ADTKD – Wo stehen Forschung und Entwicklung?
12.4.2026 - Im März fand der 5. Internationale ADTKD Summit der Rare Kidney Disease Foundation (RKDF) statt. Zwei Tage lang berichteten Expertinnen und Experten aus der ganzen Welt über den aktuellen Stand der Forschung zu der seltenen Autosomal Dominanten Tubulointerstitiellen Nierenerkrankung. Schwerpunkte waren die genetische Diagnostik sowie Therapieansätze, die aktuell erforscht werden. Bei ADTKD-UMOD wurden präklinische Studiendaten zur Auswirkung einer Kalorienreduktion auf das Fortschreiten der Erkrankung vorgestellt.
Wie werden seltene Nierenerkrankungen heute diagnostiziert?
Martina Živná – Charles Universität Prag (Tschechien)
Damit überhaupt Therapien entwickelt werden können, müssen weltweit möglichst viele betroffene Patientinnen und Patienten gefunden werden. Die
genetische Diagnose ist die Basis, um die
Erkrankung besser zu
verstehen und zielgerichtete
Therapien zu entwickeln. Darüber hinaus dient sie als Grundlage für die genetische Beratung, ermöglicht
pränatale Tests und ist für die Auswahl geeigneter
lebender Nierenspender innerhalb betroffener Familien entscheidend. Die Humangenetikerin beschrieb das diagnostische Vorgehen.
Betroffene und Familien werden zunächst anhand der
Anamnese und
Symptome identifiziert, gefolgt von einer
DNA-Analyse, um die ursächlichen Mutationen zu identifizieren. Es gibt verschiedene genetische Untersuchungen. In der Routinediagnostik werden
Genpanels eingesetzt, die 200–300 nierenbezogene Gene abdecken. Die
Gesamt-Exom-Sequenzierung
erfasst
die kodierenden Bereiche von etwa 20.000 Genen. Bei der
Gesamtgenom-Sequenzierung wird die gesamte DNA-Sequenz analysiert.
Die
Ergebnisse genetischer Tests lassen sich in drei Kategorien einteilen:
- Ein positives Ergebnis bestätigt eine Mutation und ermöglicht eine definitive Diagnose.
- Ein nicht eindeutiges Ergebnis identifiziert eine „Variante unbekannter Signifikanz“, die einer weiteren Validierung bedarf.
- Ein negatives Ergebnis deutet darauf hin, dass keine relevante Variante nachgewiesen wurde.
Bemerkenswert sei, so Živná, dass bei seltenen Nierenerkrankungen „das häufigste Ergebnis aus der Routine-Diagnostik entweder nicht eindeutig oder negativ ist“.
Anhand eines Fallbeispiels berichtete die Expertin über die Entdeckung einer
neuen genetischen Ursache für ADTKD. Nachdem Routinetests negative Ergebnisse lieferten, wurden durch Ganzexom- und Genomsequenzierung Varianten im
APOA4-Gen identifiziert. Erst eine eingehendere Gewebeanalyse deckte Amyloidablagerungen auf, die durch das mutierte Protein gebildet wurden. Diese Ablagerungen befanden sich in Nierenregionen, die typischerweise
nicht biopsiert werden.
Wie die Expertin berichtete, können durch den Austausch von Erkenntnissen über internationale Netzwerke und Register wie das
ADTKD-Register Forschungsteams heute auch schwierige Fälle lösen. Trotz dieser Fortschritte ist bei einem erheblichen Anteil der Familien – etwa 70 im ADTKD-Register – die genetische Ursache immer noch unklar.
An welchen Therapien zu ADTKD wird aktuell geforscht?
Anna Greka - The Broad Institute of MIT & Harvard, Cambridge (USA)
Zwar gibt es noch keine zugelassene Therapie, doch zeichnen sich mehrere Strategien ab – von oral verabreichten
niedermolekularen Wirkstoffen
über
RNA-basierte Therapien bis hin zur
Genbearbeitung.
- Der am weitesten fortgeschrittene Ansatz sind kleine Moleküle, die oral verabreicht werden können. Präklinische Daten in Mausmodellen zeigen, dass solche Wirkstoffe die tubuläre Schädigung und die Anreicherung mutierter Proteine reduzieren . Sie können die Erkrankung nicht heilen, aber modifizieren und damit den Verlauf verlangsamen.
- Eine weitere Strategie sind Antisense-Oligonukleotide (ASOs); diese werden injiziert. Diese auf Nukleinsäuren basierenden Therapien bauen mutierte mRNA ab und verhindern so die Produktion der fehlgefalteten Proteine. In Tiermodellen reduzierte sich die Konzentration der mutierten Proteine um über 75%, ohne dass es zu Nebenwirkungen kam.
- In fernerer Zukunft bieten Genom-Editierungstechnologien wie CRISPR, Base Editing und Prime Editing die Aussicht auf eine echte Heilung. Die größte Herausforderung ist die Verabreichung, da es schwierig ist, die Nierenzellen effizient anzusteuern. Zwar gibt es Proof-of-Concept-Ergebnisse für andere Organe, doch betonte Greka, dass „die Niere hinterherhinkt“.
Greka erläuterte auch, warum die Arzneimittelentwicklung bei seltenen Krankheiten besonders herausfordernd ist. Nur 13% der ersten Studien am Menschen erreichen am Ende die Zulassung. Daher erfordere der Weg zu einer Therapie Durchhaltevermögen und immer wieder Anpassungen. Finanzierungsengpässe erschweren den Fortschritt zusätzlich, da kleine Patientengruppen die kommerziellen Anreize einschränken können. Dennoch biete die „genetische Klarheit“ bei ADTKD Vorteile, insbesondere für die Suche nach Patientinnen und Patienten und deren Bereitschaft, an Studien mitzuwirken.
Greka schätzt, dass innerhalb von 3 bis 5 Jahren mindestens eine oder zwei klinische Studien – wahrscheinlich mit kleinen Molekülen oder ASOs – begonnen werden könnten. In 10 bis 15 Jahren könnte eine Gentherapie kurative Ansätze ermöglichen. Sie betonte jedoch, dass diese Prognosen nicht sicher sind.
Zum Vortrag von Anna Greka (in englischer Sprache)
Wie kommt eine Therapie auf den Markt?
Aliza Thompson - U.S. Food and Drug Administration (FDA)
In der Regel werden Therapen zuerst in den USA von der FDA zugelassen, die europäische Zulassung erfolgt über die EMA. Thompson erläuterte, dass der Auftrag der FDA darin bestehe, sicherzustellen, dass alle Therapien
sicher und wirksam sind. Sie hob dabei die Rolle des Centre for Drug Evaluation and Research (CDER) sowie dessen Office of New Drugs hervor. Diese Stellen überwachen Zulassungs- und Vermarktungsanträge für Therapien gegen Nierenerkrankungen, einschließlich neuer Behandlungsansätze für ADTKD.
Die Arzneimittelentwicklung selbst verläuft in mehreren Phasen, beginnend mit der Entdeckung und der präklinischen Forschung, in der Wirkstoffkandidaten in Labor- und Tiermodellen getestet werden. Auf diese Phase folgen klinische Studien, die in drei Phasen unterteilt sind:
- Phase 1 konzentriert sich in erster Linie auf Sicherheit und pharmakologische Eigenschaften, oft an gesunden Freiwilligen.
- In Phase 2 wird die Therapie bei Patientinnen und Patienten eingeführt, um die geeignete Dosierung zu ermitteln.
- Phase 3 liefert den endgültigen Nachweis der Wirksamkeit und Sicherheit in größeren Patientengruppen.
Nach erfolgreichen Studien kann die Zulassung beantragt werden.
Am Beispiel von
ADTKD veranschaulichte sie die
Herausforderungen
in der Erforschung von seltenen Krankheiten: kleine Patientengruppen, verzögerte Diagnosen und ein unvollständiges Verständnis des Krankheitsverlaufs erschweren sowohl die Rekrutierung für Studien als auch die Auswahl der Endpunkte. Dennoch sah sie Grund für Zuversicht, denn in den letzten Jahren entfiel etwa die Hälfte aller Zulassungen für neue Medikamente im Bereich der seltenen Erkrankungen.
Mehrere Faktoren tragen zu diesem Erfolg bei:
- Gesetzliche Rahmenbedingungen wie der Orphan Drug Act bieten finanzielle Anreize, die die Entwicklung von Medikamenten für seltene Krankheiten für die Industrie attraktiver machen. (Ähnliche Programme gibt es auch in Europa).
- Darüber hinaus wurden Zulassungsprogramme eingerichtet, um die Entwicklung von Therapien für schwere und lebensbedrohliche Erkrankungen mit ungedecktem medizinischem Bedarf zu beschleunigen. Für Erkrankungen wie ADTKD sind solche Wege besonders relevant.
Wichtig sei auch die Entwicklung von „Toolkits“ für seltene Krankheiten. Thompson verwies auf laufende Initiativen, die darauf abzielen, den Krankheitsverlauf bei ADTKD besser zu charakterisieren und messbare Indikatoren (Biomarker) – aus Blut, Urin oder Bildgebung – zu identifizieren, die als Endpunkte in klinischen Studien dienen können.
Hemmt Kalorienreduktion die Progression bei ADTKD-UMOD?
Mariapia Cratere - IRCCS San Raffaele Scientific Institute, Segrate (Italien)
Die Wissenschaftlerin untersuchte den Einfluss einer Kalorienrestriktion auf die Progression von ADTKD-UMOD
[1]. Sie berichtete, dass eine Kalorienreduktion um 30% im Mausmodell das
Fortschreiten der Erkrankung verlangsamte und teilweise bereits bestehende
Schäden rückgängig
machen konnte. Beobachtet wurden folgende Effekte:
- Reduktion der Uromodulin-Aggregate in den Zellen,
- Verbesserung der „Selbstreinigung“ der Zellen (Autophagie),
- Verringerung von Entzündung, Tubulusschädigung und interstitieller Fibrose,
- Stabilisierung der Nierenfunktion (z. B. Harnstoffwerte).
Der Zeitpunkt spielte dabei keine Rolle: sowohl in frühen als auch späten Krankheitsstadien zeigten sich die positiven Auswirkungen. Möglicherweise trifft dies auch für ADTKD-MUC1
zu – dazu gibt es bislang aber keine Studiendaten.
Wichtig: Eine Diät oder Fasten werden aktuell nicht empfohlen. Die Ergebnisse stammen ausschließlich aus Tiermodellen. Eine direkte Übertragung auf den Menschen ist nicht möglich, u.a. aufgrund von Unterschieden im Stoffwechsel.
Aufzeichnung Wissenschaftliches Programm (Tag 1, in englischer Sprache)
Aufzeichnung Patiententag (Tag 2, in englischer Sprache)
Literatur
[1] Cratere MG et al. Calorie Restriction Leads to Degradation of Mutant Uromodulin and Ameliorates Inflammation and Fibrosis in UMOD -Related Kidney Disease. J Am Soc Nephrol. 2026 Feb 3. doi: 10.1681/ASN.0000001032